Zerschmetterte Gitarren und der Tanz für die Jugend
"Schon früh zerstörte die Siegerlandhalle meine aufkeimenden Illusionen von der glamourösen
Welt des Pop und Show-Business. Als 1967 "The Who", Musikhelden wie die Beatles und
für mich damals die größte Band auf Erden, zum Konzert nach Siegen kamen
(welch ein Ereignis!), beobachtete ich als 16-Jähriger das Entladen des technischen
Equipments: Roadies schmissen Gitarren und Gitarrenkoffer vom Lastwagen auf den Asphalt
des Hallenparkplatzes.
Welcher Musiker würde das mit seiner Braut, der Gitarre, tun. Seit meiner Bekanntschaft mit
Paul McCartney weiß ich, dass er seinen geliebten Rickenbacker-Bass nur vom persönlichen
Referenten John Hammel begleitet zur Reparatur nach New York schickt. Mit Sicherheit hat
dabei die Beatles-Gitarre in der Concorde auch noch einen eigenen Sitzplatz.
Wumms! - Auf den harten Asphalt
Und hier: Wumms! Auf den harten Asphalt. Später hörte ich dann, als Handwerkersohn
konnte ich aus finanziellen Gründen dieses Konzert nicht besuchen, dass "The Who" auch
in Siegen, wie bei jedem ihrer Konzerte, mindestens zwei Gitarren zerschlagen hatten. Äußerst theatralisch versteht sich. So brachte mir die Siegerlandhalle, wenn auch in der
Sicht des Zaungastes, eine interessante Erfahrung und die erste Begegnung mit der ganz
besonderen Welt des Pop-Business. Eine tiefe Erfahrung, die vielleicht sogar meine
berufliche Laufbahn prägte.
Selbstverständlich habe ich später in der Halle auch einige schöne Konzerte erlebt,
wenngleich wir später doch die Westfalenhalle vorzogen. Eine ganz besondere Überraschung
war ein Udo Lindenberg-Konzert, in dem der Meister den "Sonderzug nach Pankow" fahren
ließ und dann eine junge Rockröhre auftrat, die den Meister mit dem Hut schnell vergessen
ließ: Gianna Nannini.
Besonders beliebt waren, so zwischen 1965 und 1968, die Tanznachmittage im Großen
Saal der funkelneuen Siegerlandhalle: Tanz für die Jugend, veranstaltet vom
Stadtjugendpfleger Renisch: Eine höchst verdienstvolle Veranstaltung, nicht nur vor dem
Hintergrund der Pop-Kultur, sondern auch unter hormonellen Gesichtspunkten.
Leider sah man meine Pickel
Leider war es im Saal immer so hell, so dass man meine
Pickel sah. Trotzdem gelang es, genügend Mädels kennenzulernen und zum wilden
Abrocken auf die Tanzfläche zu locken. Ich hatte damals eine camelhaarbraune Strickjacke
mit orangefarbenen Bündchen. Der neueste Schrei waren Romika-Cordschuhe mit giftgrünen
Nylon-Söckchen. Meistens spielten lokale Bands wie The Shotguns oder The
Oranien-Street-Sounders, die coole Band aus dem Löhrtor-Gymnasium. Alkohol gabs
nie, zumindest nicht in der Siegerlandhalle. Schüchtern wurden Kontakte geknüpft, an
eine dauerhafte Beziehung aus dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht lag es
daran, dass wir auf diesen prähistorischen Hip-Hop-Feten immer nur dem Tanzen frönten.
Lediglich das, was nach dem sonntäglichen Tanz geschah, will sich meiner Erinnerung
nicht mehr so ganz offenbaren. Meistens war es die Linie 32, mit der wir nach Hause
fuhren. Schön wars trotzdem." |