Spiralkabel für Chris Barber
Meine Erinnerungen an die Musikszene der 60er Jahre sind - nach
nun 30, 40 Jahren - sehr spärlich. Erstens, weil meine musikalische Vorprägung über die Pfadfinderei - Wander- und Fahrtenlieder - geschehen war, zweitens,
weil ich privat für Western- Country- Hillbilly- Music und internationale Folklore
und Dixieland- Jazz zu haben war.
So war ich neben oder hinter dem musikalischen Mainstream beheimatet und
sehr schwer für die Musik der "Halbstarken" zu gewinnen, wiewohl mir der
Rhythmus eines Bill Haley, Chubby Checker und die Rock´n´Roll- Stücke
eines Elvis Presley durchaus zusagten. Ein wenig elitär und/oder verklemmt
war diese Haltung schon.
1958 war ich Lehrling im Musikhaus Loos in Siegens Bahnhofstraße - 1839
gegründet und bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Musikgeschäft Siegens. Als (Wander-) Gitarrenspieler bekam ich die Abteilung
E-Gitarren, Verstärker undsoweiter zugewiesen. Es war ein kleines Räumchen
in der 2. Etage, also Wendeltreppe hoch, 1. Tür rechts. Schon damals war die
Auswahl recht bescheiden, weil das Haus in erster Linie klassische
Musikinstrumente (Klaviere, Blockflöten, Geigen, Gitarren) und "E-Musik"
(Ernste Musik) als Schallplatten verkaufte.
Die jungen Damen der Schallplattenabteilung, Gisela, Eliane Margret, Heidi
und Ilse-Angelika, sorgten dafür, dass der Vorrat an Platten der modernen
Musikrichtung der 60er nie ausging. Sie konnten blind zulangen und hatten die
Titel in der Hand.
Zu dieser Zeit existierte ganz kurz ein Beatkeller an der Siegbrücke, ein
schummriges, feuchtes Ziegelsteingemäuer mit spärlicher Beleuchtung und
viel lauter Musik. Der war den Stadtoffiziellen ein Dorn im Auge, weil er von
Jugendlichen geführt wurde. Ich wohnte in der Bahnhofstraße und machte
dort meine ersten Annäherungsversuche Mädchen gegenüber, als
verklemmter Jugendgruppenleiter für mich eine Großtat - ich war damals 20!
Teilzahlung – oft gab´s Zoff mit dem Chef
Doch zurück zum "Fachverkäufer" im Musikhaus Loos! Ich war der Herrscher über ein kleines Reich von Elektrogitarren und -bässen von Hopf, Höfner,
Framus, Gibson und Fender, E-Verstärkern und Boxen, Echogeräten
unterschiedlichster Provenienz, Zubehör aller Art, über die mich die
beatbegeisterten jungen Leute erst einmal aufklären mussten. Da gab´s
unter anderem Wha-Wha-Fußregler, Verzerrer zum Verändern des
Gitarrensounds, da waren rotierende Lautsprecher in Boxen von zum Teil
immenser Größe, halb- und vollakustische E-Gitarren. Oft gab´s abends
Zoff mit dem Chef, Herrn Büdenbender, wenn mein gütiges Pfadfinderherz
wieder einmal TZ (= Teilzahlungs)- Verträge zu Ungunsten der Firma
abgeschlossen hatte. Barzahlung war unter dieser Klientel unmöglich,
Fender-Stratocaster-Gitarren per Kredit mit langer Laufzeit bei
Lehrlingsgehältern, das war´s!
Irgendwie hatten die "Mädchen" der Schallplattenabteilung unten es
geschafft, die "Lords" zu einer Autogrammstunde zu bekommen, ohne
Wissen der Chefetage. Da war was los bei Loos! Auch meine Musik-Idole,
Chris Barber und seine Band, erstanden bei mir Spiralkabel und
Klinkenstecker. Da war ich stolz!
An Siegener Bands sind mir noch die "Oranien Street Sounders" und die "Mushrooms" in Erinnerung. Es gab übrigens ein gutes Einvernehmen mit
der Konkurrenz in der Friedrichstraße, mit dem netten Herrn Horn jun.! Nicht
unerwähnt lassen will ich bei meinen Erinnerungen an die Musikszene der
60er/70er den "Beat-Club" im städtischen Jugendheim Altenhof, wo Else
und Harry Hill für Jugendliche eine musikalische Heimat schufen mit Musik,
Tanz, Butterbroten und 50 Pfennig monatlichem Beitrag. Dieser Club
existierte bis etwa 1976.
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