Junger Lehrer half Schülern beim Start
Die Moonshots, zu denen Reinhard Conrads und wenig später auch Rainer Modro und
Peter Albert von den "Sullivans" im Jahr 1969 stießen, hatten sich Anfang 1966 an der
Realschule in Kreuztal zusammengetan: "Wir waren praktisch die zweite Schulband
nach den `Lazy Bones`,"blickt Ekkehard Schneider, Steuerberater in Littfeld, zurück.
Schneider saß bis zum Sommer 1969 am Schlagzeug der "Mondschüsse" - dann
musste er zur Bundeswehr. Bis zur Auflösung der Gruppe in Mai 1970 wurde er von
Lothar Langpfahl ersetzt.
Mit zur Gründungsformation gehörten außer Schneider noch Volkhardt Gieseler
(Sologitarre), Erhard Maginski (Rhythmusgitarre), Jochen Röther (Bass) und
Günter Kaiser (Orgel, Gesang).
Unterstützt wurden die Beatmusiker übrigens von einem sehr aufgeschlossenen
Lehrer. Ekkehard Schneider: "Hans- Peter Tornow, der heute noch zu jedem unserer
Klassentreffen kommt, hat damals die Zeichen der Zeit erkannt. Er hat es geschafft,
in der Schule Geldmittel für die Anschaffung eines Schlagzeugs und einer einfachen
Verstärkeranlage locker zu machen." Auch einen Übungsraum in der Schule hat
Tornow den "beatenden" Schülern besorgt, zu denen relativ schnell Rüdiger Donner
als weiterer Rhytmusgitarrist stieß. Wenig später rückte er ganz an die Stelle von
Erhard Maginski, der seine Gitarre an den Nagel hängte. Dann kam Rainer Strunk
für den Bassisten Jochen Röther, konnte aber auch Klavier spielen und damit teilweise
den Part von Günter Kaiser übernehmen, als der ebenfalls seinen Hut genommen
hatte.
Wettlauf zum Mond stand Pate
Ekkehard Schneider über diese frühen Tage der "Moonshots": "Wir haben vor allem den
Beatles nachgeeifert. Es waren die musikalisch eher anspruchsvolleren Stücke mit einer
komplexen Instrumentierung, die wir in unserem Repertoire hatten." Ihren Namen haben
sie übrigens vom in den 60er Jahren grassierenden Raumfahrtfieber abgeleitet -
schließlich lief zwischen den USA und der Sowjetunion gerade ein heißer Kampf
darum, wer als erste der beiden Supermächte Menschen auf den Mond landen würde.
Ihre Auftritte hatten die Moonshots zunächst bei Schul- und Klassenfesten, sie wurden
auch im Dahlbrucher Hof und für den Tanz für die Jugend in der Otto- Flick- Halle
engagiert.
Schneider musste 1969 zur Bundeswehr, seine Karriere bei den Moonshots war damit
beendet. Nach Beendigung seiner Wehrdienstzeit saß der Littfelder hin und wieder noch
hinter der "Schießbude" - und machte zusammen mit Günter Kaiser, der heute in
Frenkhausen bei Olpe lebt, Tanzmusik: "Erst als die Keyboards mit eigener
Rhytmusmaschine aufkamen, war dieses Thema für mich erledigt."
Schneider hat übrigens alle Belege über Einnahmen und Ausgaben der "Moonshots"
fein säuberlich aufbewahrt - natürlich auch aus der Zeit, als die Gruppe sich im Sommer
1967 neu formierte und mit dem jungen Architekten Frank Fritsch ein neuer Sänger
dazukam.
Günter Kaiser - Vom Beat zur Tanzmusik
Dass es zur Gründung der "Moonshots" kam, war der Rivalität zwischen Beatles und
Stones zu verdanken, wie sich Günter Kaiser, Jahrgang 1947, erinnert: "1964 wurde
an der Realschule die erste Band gegründet - die Lazy Bones. Wir waren zu neunt."
Im Jahr darauf tendierte die Mehrheit der Lazy Bones zu den Rolling Stones - und
Kaiser, dem das nicht passte, scharte die Moonshots um sich.
Auftritte in der Schule, bald auch beim Tanztee im Cafe im Hochhaus in Buschhütten
oder in der "Exotica"- Bar in Eichen waren angesagt. Kaiser, der zunächst ausschließlich
Sänger der Moonshots war: "Hin und wieder wurden schon mal Walzer verlangt. Da
hab ich mich an mein Akkordeon erinnert, das ich als Kind zu spielen gelernt hatte."
Der Schritt zur Orgel war nicht weit: "Meine erste habe ich 1966 be i Horns gekauft."
Nach dem Abschied von den "Moonshots" rückte für den gebürtigen Buschhüttener die
Unterhaltungs- und Tanzmusik in den Mittelpunkt: "Ich spielte zuerst mit zwei 40- Jährigen
zusammen, die von der `Knüppelmusik` kamen und für mich als 20- Jährigen `steinalt`
waren." Doch vor allem von Horst Simon, Getränkehändler aus Brachbach und früher
Bassist im Orchester des Hessischen Rundfunks, habe er viel gelernt. 1969/70 tat er
sich mit Willi Weber und Gerhard Haag, die von "Buddy & The Ravens" kamen,
zusammen und machte mit ihnen als "Comics" bis 1981 Tanzmusik. Danach gründete
er "Finish", zu denen der "Damaris Joy"- Schlagzeuger Thomas Adam und der Lehrer
Wolfgang Ponwitz, jetzt bei "Middle of the Hees", gehörten. Von 1984 bis 1992 war
Kaiser bundesweit als Alleinunterhalter unterwegs. Danach folgten Jahre in der
Versicherungsbranche. Hin und wieder macht er noch öffentlich Musik, springt schon
mal für den Oranien- Street- Sounder Günter Hummerich ein, sonst musiziert er vor
allem "aus Spass an der Freud".
"Wir legen uns nicht nur auf Beat fest"
Volkhard Gieseler, Rüdiger Donner, Ekkehard Schneider und Günter Kaiser - diese "Moonshot"- Formation traf der 23- jährige Architekt Frank W. Frisch an, als er im
Juni 1967 aus München zurückkam. Mit im Gepäck: ambitionierte deutsche Texte über politische Themen wie den Vietnam- Krieg, die europäische Vereinigung oder
die künftige Rolle Chinas in der Welt.
Frisch erinnert sich: "Ich begann mir einige Bands anzuhören, um Menschen zu finden,
mit denen ich an meinen Texten arbeiten konnte." Die Moonshots waren nicht abgeneigt,
Frisch durfte einige Lieder vorsingen ("When A Man Loves A Woman", "Greensleeves",
und "Run For Your Life"). Kurzfristig geriet die Band in Gefahr, weil Günter Kaiser
seinen geplanten Austritt bekannt gab, doch mit Rainer Strunk war rasch Ersatz
gefunden. Die fünf jungen Musiker trafen im Herbst 1967 eine schriftliche Vereinbarung: "Seit etwa einem Monat sind wir dabei, ein neues Programm einzustudieren. Eine
moderne Band hat die Aufgabe, ihrem Publikum eine anspruchsvolles Programm zu
bieten. Wir legen uns nicht allein auf Beat fest, sondern stellen aus allen Bereichen
der modernen Musik unser Repertoire zusammen." Unterzeichner waren Volkhard
Gieseler (Gymnasiast/ Solo- Gitarre), Rüdiger Donner (Retuscheur/ Rhytmus- Gitarre),
Rainer Strunk (Gymnasiast/ Bass), Ekkehard Schneider (Steuerberater- Lehrling/
Schalgzeug) und Frank W. Frisch (Architekt/ Gesang).
Zwei Monate lang wurde geübt mit dem Ziel, am 1.Oktober öffentlich aufzutreten und
mindestens 30 Stücke zu spielen. Das war nicht nur das übliche Repertoire mit
Beatles- , Stones- und Bee Gees- Stücken - Frischs Einfluss machte sich bemerkbar: "Red Roses For A Blue Lady" gehörte dazu, "Ganz Paris träumt von der Liebe" und
der Titel "Kilimandjaro" des Franzosen Pascal Danel. Die WESTFÄLISCHE
RUNDSCHAU titelte am 4. November 1967 in der Rubrik "Für junge Leute": "Auf
dem Weg vom Beat zum Chanson - Kreuztaler Moonshots wollen noch tüchtig an
sich weiter arbeiten". Zu diesem Zeitpunkt hatte die neuformierte Band bereits
Konzerte im Tanzlokal Kreuz in Geisweid und im Erndtebrücker Hotel Patt (Frischs
Anmerkung von damals: "Zwei Tage hintereinander gespielt - finanziell recht mager")
hinter sich.
Magere Auftragslage
Im November gewannen die "Moonshots" einen Beatwettbewerb des Fürst- Johann-
Moritz- Gymnasiums in der Bismarckhalle. Schon vorher hat Frisch festgehalten: "Wir erlauben uns, so eingebildet zu sein, Aufträge bei Kreuz nicht mehr unter
150.- DM und gemeinsamer Werbung anzunehmen." Es folgte die übliche Tour:
Klassenfeste, Schulball, Tanz für die Jugend, am 2. Weihnachtsfeiertag eine
eigene Veranstaltung in der Bismarckhalle - und ein ernüchterndes Zwischenfazit: "Die Auftragslage ist Ende Januar magerer als erwartet. Die Jugendpfleger verhalten
sich sehr zögernd. Mit den Eigenkompositionen geht es auch nicht vorwärts. Deshalb
bin ich etwas passiver geworden, obwohl ich mich immer wieder auf das Singen
freue." Im Februar gab es noch fünf Auftritte, darunter vier bei Modeschauen des
Hauses Schneider in der Siegerlandhalle. Der Star war Rex Gildo, die Moonshots
waren mit einer viertelstündigen Einlage dabei. Sie wählten dafür aus: "Kilimandjaro",
"Sir Geoffrey Saved The World", "Hava Nagila", "The Letter" von den Box Tops und
Frischs Vorzeigelied, "When A Man Loves A Woman".
Hochzeit und keine Auftritte - der Sänger hört auf
Im März 1967 spitzte sich die Lage für die Moonshots zu. Frank W. Frisch notierte: "Auftragsleerlauf" - und die Erkenntnis, dass die Kollegen auch in den Spielpausen "die Zeit und der Elan" fehlten, neben dem Proben aktueller Stücke auch an den
Eigenkompositionen zu arbeiten.
Frisch beschloss, aus der Band auszutreten und setzte dies auch, rührenden
Fanbriefen zum Trotz, in die Tat um. Es gab noch so etwas wie eine Abschieds-
tournee: Am 4. Mai in der Otto- Flick- Halle in Kreuztal, wo die Moonshots zum
ersten Mal Frischs Text "Gib mich frei" spielten - die Melodie lieferte "Vanilla
Fudge" mit "You Keep Me Hanging On". Am 11. und 12. Mai gingen die beiden
letzten Konzerte mit Frisch, der heute als FDP- Fraktionsvorsitzender im
Kreuztaler Rat sitzt, in der Dahlbruchhalle und in der Siegerlandhalle über die
Bühne - danach war Schluss: Zum einen wegen der beschriebenen Probleme,
zum anderen, weil der Architekt am 24. Mai seinen Hochzeitstermin hatte.
Die Moonshots waren damit aber noch nicht erledigt - zunächst stieß von den "Sullivans" Reinhard "Pieps" Conrads dazu, im März 1969 folgten Rainer Modro
und Peter Albert. Von den Gründungsmitgliedern waren jetzt noch Ekkehard
Schneider und Volkhard Gieseler dabei.
"Pieps" - zu jung für die "Zuckerpuppe"
Über lange Zeit ein Weggefährte des Gitarristen Rainer Modro - von den Sullivans über die
Moonshots bis zu den Mushroom der siebziger Jahre - war ein Mann, der heute noch eine
zentrale Figur in der Siegerländer Musikszene ist: Reinhard Conrads, besser bekannt
als "Pieps". In diesem Jahr feiert er mit seinen "Friends" das 20-jährige Bestehen.
Er selbst kletterte allerdings schon vor 40 Jahren zum ersten Mal auf eine Bühne - bei einem
Fest des Jungen-Gymnasiums, das er selbst gar nicht besuchte. Die künstlerische Leitung
hatte der spätere "Stern"-Redakteur Jürgen Steinhoff. Conrads: "Wir wohnten im selben
Haus, und dort hat er mich öfter Gitarre spielen und singen gehört." Die Frage, ob er nicht
in der Aula auftreten wolle, beantwortete der Nachwuchsmusiker positiv. Nur über das
Repertoire gab es Diskussionen: "Eigentlich sollte ich ein Lied von Bill Ramsey singen, doch
die `Zuckerpuppe von der Bauchtanztruppe´ erschien dem Lehrkörper nicht passend für
einen Zwölfjährigen. "So sang und spielte "Pieps" den damals bei Schülern äußerst beliebten
Schlager "Charlie Brown"- übrigens begleitet von Günter Hummerich und anderen Mitgliedern
der "Oranien Street Sounders".
Von "Charly Brown" über Skifflemusik zum Beat
Das Gitarrespielen hat Reinhard Conrads bei Jürgen Tietze, heute Lehrer an der
Bertha-von-Suttner-Gesamtschule, gelernt: "Ich war bei ihm in der Pfadfindergruppe.
Er hat uns bei Gesangswettbewerben der `Wölflinge` immer begleitet - bis das eines Tages
nicht mehr erlaubt war. Deshalb musste ich selbst innerhalb kürzester Zeit das Instrument
lernen. "Tietze verpasste "Pieps" auch seinen Spitznamen, unter dem er auch heute noch
landauf, landab bekannt ist.
Nach seinem Auftritt beim Schulfest musizierte er mit einer Skiffle- Gruppe, die sich "Blue
Cardigans" nannte: "Den Namen bekamen wir, weil wir immer hellblaue Frotteehemden
anhatten." Danach kamen die Sullivans, und nach deren Ende stieg "Pieps" bei den
Moonshots ein. Dort hatte sich der Sänger Frank W. Frisch verabschiedet, Conrads übernahm den Job und spielte mit Volkhard Gieseler (g), Rüdiger Donner (b) und Ekkehard
Schneider (dr). Anfang 1969 kamen dann mit Peter "Schnüffi" Albert und Rainer
Modro zwei weitere Ex-Sullivans dazu, Rüdiger Donner hörte auf.
Bei den Sullivans ausgestiegen war Conrads, weil ihm die musikalische Richtung nicht
mehr passte - mit dem Einstieg von Ulrich Hackler, der später übrigens Vorsitzender der
Jungsozialisten in Siegen war, und Paul Wurm sei die Gruppe eher in die Stones- Ecke "gerutscht": "Und das war nicht meine Sache. Ich war schon immer mehr für das
Melodiöse." Bei den Moonshots lag er da gerade richtig - die waren schließlich von
Beginn an auf dieser Linie gefahren, und das gar nicht schlecht. In der neuen Besetzung
spielten sie unter anderem beim ersten Geisweider Flohmarkt 1969, ein Auftritt im "Haus Heimat" am 5. Januar 1970 ist in der Erinnerung geblieben.
Im Mai 1970 allerdings forderten Ausbildung, Bundeswehr und Studienbeginn der
verschiedenen "Moonshots" endgültig ihren Tribut: Die Band, die aus der Kreuztaler
Realschule hervorgegangen war, löste sich auf.
|