Schülerzeitungs-Redakteur gelang der Coup: Interview mit Roger Daltrey
Um das Konzert der Who am 15. April 1967 ranken sich viele Geschichten - im Zuge der Recherchen für die "Siegerländer Beatgeschichte(n)" ist mittlerweile authentisches, hochinteressantes Material aufgetaucht.
Gerd-Wolfgang Stolz, der damals mit Jugendpfleger Joachim Renisch und dem jungen Lehrer Hermann Pamp die Arbeitsgemeinschaft "Tonstudio Siegen" bildete, fotografierte das Geschehen rund um das Who-Gastspiel außerhalb der Siegerlandhalle. WR-Leser Volker R. Schneider entdeckte in seinem Archiv noch die Nummer 11 von "realitäten", der Schülerzeitung der Realschule Siegen. Dieses Exemplar enthält ein dreiseitiges Interview mit Sänger Roger Daltrey. Die WR wiederum machte den damaligen Chefredakteur Dietmar Piltz ausfindig, dem es gelungen war, zu dem Beat-Star vorzudringen.
Guter Draht zum "Who"- Sänger
Piltz, der mittlerweile in Bayern lebt und als Selbstständiger mit Elektronikbauteilen handelt, war 16 Jahre alt und weiß heute noch: "Wir hatten damals zwar ,Presseausweise´ , aber mit denen konnte man eigentlich nicht viel anfangen." Sein Glück: Seine Eltern waren mit Karl-Heinz Höffkes, dem Besitzer des Berghotels "Johanneshöhe" befreundet - und
dort waren Mitglieder des Who-Trosses abgestiegen: "Einer
dieser Engländer hat mich nach dem Konzert hinter die
Bühne geschleust und mich mit Roger Daltrey bekannt
gemacht. Nichts da also mit dem in "realitäten" erwähnten "Kleiderkoffer", mit dem er angeblich in die gut gesicherten
Gemächer der Who vorgedrungen war: "Diese kleine
Geschichte am Rande haben wir erfunden."
Er habe sofort einen guten Draht zu dem Pop-Star gefunden,
berichtet Piltz. Daltrey habe bereitwillig geantwortet. Piltz
hatte während des Konzerts zwei Filme aufgenommen, die
leider nicht mehr aufzutreiben waren. Allerdings präsentiert
die WR Fotos - geschossen und zur Verfügung gestellt hat
sie der Eiserfelder Arzt Dr. Peter Hauke. Zum allerersten Mal
sind sie öffentlich zu sehen, über 34 Jahre nach dem
legendären Auftritt.
Dem Kurz-Gastspiel in Siegen am späten Nachmittag ließen
die Who am Abend noch ein Konzert in Wiesbaden folgen.
Hartmut Sperl, Chef der Uni-Big-Band mit offenen Ohren für
Rock-Legenden, fand diese Informationen in einem Buch über
die Gruppe, das alle Konzertdaten von Townshend & Co. von
A bis Z enthält.
Mehr zu den Who zeigt übrigens die Ausstellung "Let´s Twist
Again" vom 28. Juli bis 19. August in der Siegerlandhalle.
Dort ist auf über 1 000 Quadratmetern ein Überblick über die
Geschichte der Rock- und Popmusik zu sehen, wobei der
Schwerpunkt auf den sechziger Jahren liegt.
Am Ende das gewöhnliche Durcheinander
Die Who im Interview mit der Schülerzeitung der Realschule Siegen,
"realitäten", geführt von Dietmar Piltz. Die WR dokumentiert den Text
ohne Kürzung.
"Endlich, nach terminlichen Schwierigkeiten, kam die Beatgruppe,
"The Who" am 15. April auch nach Siegen.
Obwohl das Programm schon um 15 Uhr beginnen sollte, ließ
man die ca. 1500 erschienenen Beatfans geduldig warten. Nach
einigen dürftigen Darbietungen einer anderen Beatband bequemte
man sich, um 17 Uhr die Geräte der Who aufzubauen.
Da um 17.30 Uhr immer noch kein Mitglied der Band erschienen war,
stimmte man ein gefährlich anzuhörendes Pfeifkonzert an. Die aber
dann um 17.50 Uhr erscheinenden Bandmitglieder Pete, Roger, John
und Keith gewannen im Nu mit ihrer Show das ganze Publikum für sich.
Nach 20 Minuten herrschte auf der Bühne das gewöhnliche "Who-
Durcheinander": umgestürzte Lautsprecher, geknickte Mikrophone,
rollende Trommeln, zerschlagene Trommelstöcke und zerborstene
Gitarren. Die Band war verschwunden. Trotz großer Schwierigkeiten
gelang es einem von uns, in einem Kleiderkoffer der Who zu diesen
zu gelangen und mit Roger Daltrey das folgende Gespräch zu führen.
realitäten: Was hat Sie bewogen, in Deutschland auf Tournee zu gehen?
the who: Nun, damit wir spielen können.
realitäten: Wie fanden Sie das Publikum in Siegen?
who: In Siegen? Sehr gut.
realitäten: Wo treten Sie am liebsten auf?
the who: Wo wir am liebsten spielen? - Amerika und Schweden.
realitäten: Warum in Schweden?
the who: Hm, ...mehr Mädchen, viel mehr Mädchen.
realitäten: Was ist der Hauptgrund für Ihr Auftreten, Show oder Musik zu machen?
the who: Ich würde sagen beides: Wir versuchen immer, uns dem Publikum anzupassen.
realitäten: Wie lange spielen Sie schon zusammen?
the who: Etwa drei Jahre.
realitäten: Hatten Sie vorher einen anderen Namen für Ihre Band?
the who: Ja, wir machten damals eine Platte unter dem Namen "The High Numbers".
realitäten: Wie viele Platten haben Sie schon produziert?
the who: Schon sehr viele. Ich weiß nicht wie viel.
realitäten: Mit welchem Hit sind Sie populär geworden?
the who: Mit "My generation", obwohl wir vorher schon zwei Top-Hits hatten.
realitäten: Was war Ihr größter Erfolg, auch finanziell gesehen?
the who: "My generation" war der größte Erfolg, auch brachte er das meiste
Geld ein, aber ich glaube, "Happy Jack" wird ihn entthronen.
realitäten: Bringen Sie demnächst einen großen Hit heraus?
the who: Wir haben gerade einen gemacht. Er kommt in Kürze in England heraus.
realitäten: Wie heißt er?
the who: "Pictures of Lily"
realitäten: Wie sind Sie auf den Namen "The Who" gekommen?
the who: Nun, das werde ich Ihnen kurz erzählen. Nachdem wir die Band gegründet
hatten, saßen wir eines Tages schon seit frühmorgens zusammen und suchten
einen Namen, den die Leute leicht behalten konnten und der auch populär war
und aus den vielen anderen bands herausstach. Nun, so haben wir uns "THE WHO" genannt.
realitäten: Warum zerstören Sie Ihre Geräte?
the who: Es macht uns Spaß - nur deshalb, es macht uns Spaß.
realitäten: Haben Sie Vorbilder, wenn ja welche?
the who: Wie meinen Sie das mit Vorbildern?
realitäten: Ich dachte an Beatles oder Stones.
the who: Oh ja, die Beatles sind unsere Lieblingsgruppe, weil sie im Beat das
Tempo angeben.
realitäten: Was halten Sie von den Rolling Stones?
the who: Die Stones mit ihren Platten gefallen mir nicht. Sie verstehen zwar was
von Show, aber nichts von Musik.
realitäten: Ihre Meinung über die Beach Boys?
the who: Die Beach Boys? Ja, - nun, sie gefallen mir erst nach ihrer letzten Platte.
realitäten: Hat der harte Beat noch Zukunft?
the who: Ja, für längere Zeit noch. Er ist in den Grundzügen anpassungsfähig und
veränderbar.
realitäten: Lehnen Sie LSD ab?
the who: Nun, ich mache mir nichts daraus.
realitäten: Warum?
the who: Es ist nichts für mich. Es ist etwas für Leute, die in einer anderen Welt
leben wollen.
realitäten: Was machen Sie in Ihrer Freizeit, was haben Sie für Hobbies?
the who: Mein Hobby? - Komponieren.
realitäten: Sind Sie der Komponist der Band?
the who: Nein, wir komponieren alle, zur Hauptsache aber Pete Townshend.
realitäten: Was für Zukunftspläne haben Sie?
the who: Nun, wir gehen erst für vierzehn Tage nach England zurück, um eine
LP zu machen. Danach bereisen wir zwei Wochen lang Schweden und anschließend
sechs Wochen die USA. Dann geht es zurück nach England, und dort werden wir
wahrscheinlich noch eine Single-Platte aufnehmen.
realitäten: Sind Sie in Ihrer Freizeit eine Gruppe, oder geht
jeder seinen eigenen Weg?
the who: Höchstens für ein paar Stunden sind wir eine geschlossene Gruppe, dann
geht jeder seinen eigenen Interessen nach und somit auch seine eigene Wege.
realitäten: Würden Sie uns bitte Ihre Fan-Adresse für Autogrammwünsche
und -jäger nennen?
the who: Ja, gerne: 67 Chatsworth Gardens, Kilburn, London, England.
realitäten: Wir danken Ihnen recht herzlich und wünschen Ihnen weiterhin recht
viel Erfolg.
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