Nachts in Polizeikontrolle gerauscht
Günther Hamich arbeitet bei der Landeszentralbank, ist seit vielen Jahren Schiedsmann
in Weidenau und gehört als sachkundiger Bürger der UWG-Fraktion im Siegener Rat
an. In den sechziger Jahren war er Bassist der "Rags": "Wir haben als Skiffle-Band
angefangen. Als Schlagzeug dienten uns Persiltrommeln."
"Wir", das waren außer Hamich noch Franz Spork (Sologitarre), Hans-Peter Wehnes
(Rhythmusgitarre) und Ulrich Debus (Schlagzeug). Später kam Karl-Werner Kaiser
(Klavier und Gesang) dazu. Gefunden hatten sich die jungen Musiker zwischen 1960
und 1962 im Jugendheim St. Marien, und schon bald ließen sie mit dem Einsetzen der
Beatwelle den Skiffle hinter sich: "Als die ersten von uns in die Lehre kamen und Geld
verdienten, wurde eine Anlage gekauft" - wobei der allererste Verstärker der "Rags" ein
altes umgebautes Tonbandgerät war.
Vorbilder: Shadows und Ventures
Hamich: "Wir haben viele Instrumentalstücke gespielt, die Shadows und die Ventures
waren unsere ersten Vorbilder." Später tauchten dann Stücke der Beatles und der Bee
Gees im Repertoire auf, dazu natürlich viele andere Lieder von den vorderen Plätzen der
Hitparaden: "Hauptsache, sie waren melodiös."
Schon bald hatten die Rags einen guten Namen und gingen auf "Siegerland-Tournee":
Im Jugendheim St. Michael, im Kolpinghaus in der Altstadt, bei Karnevalsveranstaltungen
in den katholischen Gemeinden des Siegerlands trat die Gruppe auf. Günther Hamich: "Bei Bürgers an der Marienborner Straße haben wir in einem Jahr an fünf Tagen bei
Karnevalsveranstaltungen gespielt - natürlich nicht nur Beat. Dafür haben wir unser
Repertoire um Tanz- und Stimmungsmusik erweitert." Viel zu verdienen habe es dabei
allerdings für die Rags nicht gegeben: "Essen und Trinken hatten wir frei, und das, was
wir an Gage bekamen, haben wir wieder in die Anlage investiert." Und in den eigenen
VW-Bulli, der - weiß gespritzt und mit dem "Rags"-Emblem versehen - Band und Helfer,
dazu natürlich die Anlage, zu den Auftritten brachte. Dabei ging es nicht immer nach
den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung zu: "Als wir einmal nachts von einem Auftritt im Betzdorfer Kolpinghaus nach Siegen zurückfuhren, wurden wir in Kirchen von
der Polizei angehalten." Die Folge: Die beiden Rags in der Fahrerkabine mussten
alleine weiterfahren, die mittlerweile stattliche Anlage in Siegen ausladen und dann
Musikerkollegen wie Helfer in Kirchen wieder "einfangen".
An der musikalischen "Marschrichtung" der Rags hat sich übrigens bis zum Jahr 1968
nichts geändert: "Da gab es für uns keine Experimente." Das Ende kam, "als wir
Instrumente und Anlage bezahlt hatten", wie sich Hamisch erinnert: "Einige aus der
Gruppe wollten plötzlich noch Uniformen kaufen und ähnliches - diesen Höhenflug
wollte ich nicht mitmachen."
Musik - "heute nur so zum Spaß"
Der Bassmann gründete dann mit Günter Hummerich von den Oranien Street Sounders
sowie Karl-Heinz Stöcker und Werner Krause von den "Quartermasters" die "Sweet
Sound Four", eine Gruppe, die sechs, sieben Jahre existierte. Heute trifft sich Hamisch
einmal pro Woche, immer donnerstags, mit Gleichgesinnten zum Musikmachen -
"allerdings nur so zum Spaß". Mit von der Partie sind Klaus Grammel, Ernst
Vollweber und Horst Giebeler sowie mit Karl-Heinz Stöcker noch ein Weggefährte
aus "Sweet Sound Four"-Tagen.
Bei "Melissa" war Gitarre verstimmt
Natürlich gab es gute Beziehungen zwischen den Siegerländer Bands, "aber auf der
anderen Seite war die Konkurrenz auch groß", erinnert sich Günther Hamich.
Die "Rags" machten eine bittere Erfahrung bei einem Beatwettbewerb: "Tagelang
hatten wir ,Melissa´ eingeübt." Mit dem auf Platte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht
erhältlichen Titelsong des Durbridge-Krimis wollte die Gruppe den großen Coup
landen: "Wir gingen raus, spielten die ersten Takte - und mussten sofort abbrechen.
Jemand hatte die Gitarre von Franz Spork verstimmt." Das Instrument wurde auf
Vordermann gebracht, die "Rags" starteten ihren zweiten Versuch, mussten
letztendlich aber eine andere Gruppe vorbeiziehen lassen.
Wenn sich Siegerländer Beatmusiker trafen, sei stets die erste Frage gewesen: "Wo habt Ihr schon gespielt?" Der Ritterschlag für jede Band sei zweifellos ein Auftritt
in der Siegerlandhalle gewesen: "Wer nicht beim Tanz für die Jugend aufgetreten war,
der war nichts." Wer und warum auf den Namen "Rags" - auf deutsch: Lumpen -
gekommen ist, weiß der Mann von der Landeszentralbank nicht mehr. Er ist
allerdings sicher: Der Name hatte nichts mit dem Titel "Rag Doll" der Four Seasons
beziehungsweise der Five Tops zu tun.
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