"Verstärker" mit weißem Tuch getarnt
In der Dillenburger "Oranienschänke" hatten die Glad
Rags - Rainer Paesler (Sologitarre), Ernst Vollweiler
(Rhythmusgitarre), Kurt Thomasberger (Schlagzeug) und
Horst-Günter Werner (Bass) - ein festes Engagement. In den
Anfangstagen des Beat war das durchaus keine
Selbstverständlichkeit.
Thomasberger, der in Geisweid einen Radio- und
Fernseh-Service betreibt, erinnert sich besonders an einen Auftritt im Spätsommer 1965: "Mittwochs hatten wir im Radio
,Satisfaction´ von den Stones gehört, auf Tonband
aufgenommen und sofort eingeübt - sonntags haben wir es
dann in der Oranienschänke gespielt. Nicht einmal, fünf oder
zehn mal: Dreieinhalb Stunden an einem Stück - wenn wir
aufgehört hätten, hätten uns die Fans möglicherweise von der
Bühne geholt."
Drei mal pro Wochenende standen die Glad Rags in
Dillenburg, der Heimatstadt von Rainer Paesler, in der Kneipe
mit dem geschichtsträchtigen Namen auf der Bühne:
Samstagsabends, sonntags zum Tanztee und dann wieder
abends. Das Repertoire war der damaligen Zeit angemessen:
Beatles-Stücke, vor allem aber Stones und andere härtere
Sachen, von den Pretty Things oder den Yardbirds zum
Beispiel.
An die Auftritte in Dillenburg schloss sich ein anderes
lukratives Engagement an. Thomasberger: "Wir mussten ja Geld verdienen, und so haben wir mittwochs, samstags und
sonntags im Cafe Barbara in Daaden gespielt, das
Stammlokal für die Bundeswehrsoldaten aus der Umgebung
war." Da gab es für die Band schon 80 Mark pro Stunde - ein
nahezu fürstliches Salär für damalige Zeiten. Im "Moulin
Rouge", neben dem "Party Club" seinerzeit der angesagte
Tempel für Siegener Beatjüngerinnen und -jünger, nahmen die
Glad Rags an Bandwettbewerben teil - und wurden
schließlich Sieger bei einem Beatwettstreit von Pepsi-Cola.
Der Preis: Die Teilnahme an der Bundesausscheidung in
Wiesbaden. Das Ergebnis dort: Vierter Platz in der
Gesamtwertung, aber was die musikalische Wertung anging,
landeten die Beat-Musiker aus dem Siegerland noch vor den
showerfahrenen Gruppen aus dem Raum Frankfurt. Aus
Anlass des Auftritts in der hessischen Landeshauptstadt
hatten sich die Glad Rags übrigens eigens Anzüge gekauft
und Fotos anfertigen lassen: "Die hat Loos in Weidenau
gemacht."
Das Jahr 1966 brachte eine Zäsur: Kurt Thomasberger
musste zum Bund. Mit dem neuen Schlagzeuger Herbert Schäfer gab es beim Pepsi-Cola-Wettstreit noch einmal einen
Sieg, dieses Mal mit der Endausscheidung in Offenbach.
Anfang 1968 fiel die Band auseinander.
Beim Bund in Diepholz stieg Thomasberger auf Jazz um,
spielte in Siegen noch bei den "Centrics" (50 Prozent Dukes,
50 Prozent Glad Rags) mit und machte schließlich eine Art "Bildungspause" von der Musik, als die Vorbereitung auf
seine Meisterprüfung in den Mittelpunkt rückte. Später hat
Thomasberger wieder Sixties-Musik gemacht - mit den "Oldtimers", zu denen mit Harold Krämer ("The Ravens",
DAG-Folkloregruppe) und dem Betzdorfer WR-Redakteur
Jürgen Burandt (heute Sänger bei "Second Shotgun") zwei
weitere Beat-Veteranen aus Siegen gehörten.
Die Erinnerungen an diese Zeit hat Kurt Thomasberger in
einem Album aufgehoben - Bilder, Zeitungsausschnitte und
-anzeigen, Eintrittskarten fein säuberlich zu Collagen
zusammengeklebt. Und auch den ersten Gitarrenverstärker
der "Glad Rags" zeigt er gerne vor: Ein altes Saba-Radio, das
für Auftritte mit einem weißen Tuch getarnt wurde. "Das Ding
hatte ein Zwei-Wege-Lautsprechersystem - das klappte ganz
prima."
Dem Chef von Musikhaus Horn hatte es die Band übrigens zu
verdanken, dass sie den lukrativen Job in Daaden bekam.
Thomasberger: "Dort hätten wir das Engagement mit einem
Radio-Verstärker nie im Leben bekommen. Herr Horn hat uns
damals auf Treu und Glauben eine Anlage auf Pump verkauft.
,Zahlt zurück, wie Ihr könnt - aber wenigstens 100 Mark die
Woche´, hat er gesagt. Ich habe nie wieder erlebt, dass ein
Kaufmann Jugendlichen - wir waren ja alle Lehrlinge - so
großzügig Kredit eingeräumt hat." Horn wurde übrigens nicht
enttäuscht: "Wir haben die Summe in der Hälfte der Zeit
zurückgezahlt."
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