Mit der Kasse bis zur Bühne gedrückt
"Tanz für die Jugend" - das war eine, die "offizielle"
Veranstaltungsreihe für junge Leute in Siegen.
Es gab 1964/65 noch eine zweite Serie von
Konzertnachmittagen, die privat aufgezogen wurde: "Alis
Party", bei der jeweils zwei Siegerländer Bands ihre
Auftrittsmöglichkeiten bekamen. Organisator war Klaus
Neumann - im Alter von 17 Jahren.
Neumann hat die Erinnerungen an diese Zeiten
aufbewahrt. Er ist mittlerweile erfolgreicher Unternehmer,
betreibt in Langenholdinghausen in vierter Generation
einen Raucherbedarfsgroßhandel: Edle Feuerzeuge,
Pfeifen, Aschenbecher - alles was dazu gehört:"Wir sind
das älteste deutsche Unternehmen in der Branche."
Urgroßvater Rudolf hat es vor genau 111 Jahren gegründet.
18 Monate lang sah es in den sechziger Jahren so aus, als
sollte sein Urenkel Klaus aus der Art schlagen. Er erinnert
sich: "Weil zunächst bis auf die ,Oranien Street Sounders´
Siegener Gruppen beim Tanz für die Jugend keine Chance
bekamen, haben wir das selbst in die Hand genommen." The
Shotguns, The Quartermasters - sie und andere bekamen bei "Alis Partys" die Möglichkeit das zu zeigen, was sie sich in
den Probenkellern angeeignet hatten. Zehn dieser
Veranstaltungen gab es innerhalb von eineinhalb Jahren: "Eine in der Bismarckhalle, vier im Kleinen, dann fünf im
Großen Saal der Siegerlandhalle."
An Gewinne war nicht zu denken
An die erste Veranstaltung im Kleinen Saal denkt er mit
besonders gemischten Gefühlen zurück: "Ich hockte mit der
Kasse hinter einem Tisch an der Eingangstür. Der Saal
fasste regulär vielleicht 300 Besucher - weit über 500 standen
aber vor der Tür, der ganze Flur war voll. Es wurde gedrängelt
und gedrückt - bis ich schließlich mit meinem Tisch auf der
Tanzfläche saß. Im Endeffekt waren 500 Leute im Saal, von
denen 120 bezahlt hatten."
An Gewinne war bei diesen Konzertabenden (jeweils 17 bis
22 Uhr) nicht zu denken. Die Siegerlandhalle musste
gemietet werden, das Finanzamt hielt beide Hände auf - und
dann ging auch das "Personal" hin und wieder ein wenig
euphorisch zu Werke. Neumann: "Bei einem dieser
Nachmittage hat eine unserer Helferinnen rund 100 Karten
verschenkt - an alle Leute unter den am Eingang Wartenden,
die sie kannte." Nach rund 18 Monate mussten die Akten von "Alis Party" geschlossen werden - nicht wegen
Erfolglosigkeit: "Es war immer die Hölle los."
Den Sixties immer noch verbunden
Aber wie viele Musiker in diesen Jahren musste auch der
junge Konzertveranstalter Klaus Neumann einen "richtigen"
Beruf erlernen - der Vater, der ihm zuvor stets erlaubt hatte,
die erforderlichen Säle zu mieten, legte Wert auf eine
ordentliche Ausbildung.
Was damals abging, hat Neumann übrigens fein säuberlich
fotografisch festgehalten, wobei die Fotos, die er heute noch
in Alben hütet, stets einen gewaltigen "Umweg" machten.
Abziehen lassen hat er sie nämlich grundsätzlich im
thüringischen Tabarz, wo Verwandte wohnten und wohin er
stets eine vollgepackte Tasche mit Filmen mitnahm, wenn er
in Ferien fuhr.
Den Sixties und ihrer Musik sind Neumann und seine Frau
Rosi im Herzen immer verbunden geblieben. Und auch
beruflich hat er hin und wieder mit der Beat-Ära zu tun. Er war
es, der zum Beispiel die "Beatles"-Feuerzeuge der Edel-Firma "Zippo" nach Deutschland geholt hat.
Instrumente und Verstärker auf "Pump"
Wenn einer Person ein Orden zur "Förderung der Beatmusik im
Siegerland" gebührt: Er müsste posthum an den Siegener Musikhändler
Walter Horn verliehen werden.
Fast in jedem Gespräch, das die WR in den vergangenen
sieben Monaten für die Serie "Siegerländer
Beatgeschichte(n)" führte, wurde Horn, der 1971 gestorben
ist, erwähnt. Dabei wurde deutlich: Viele Musiker von einst
verehren diesen Mann noch heute, weil er ihnen ihre
Beat-Karriere erst möglich gemacht hat. "Wo gibt es das
heute, wo gab es das damals," meinte zum Beispiel Rainer
Modro (Sullivans, Moonshots, Mushroom): "Er hat uns allen
Instrumente und Anlagen auf Pump überlassen. ,Zahlt, wenn
ihr könnt´ - mehr sagte er nicht und drückte uns die Sachen
in die Hände."
So gab es dann jeweils samstagvormittags das wöchentliche
Treffen der Siegerländer Beatszene in Horns
Geschäftsräumen an der Friedrichstraße. Nach und nach
rückten die Musiker an und legten auf die Ladentheke, was
sie am Sonntag und in der Woche zuvor bei ihren Auftritten
im Cafe Barbara und anderswo verdient hatten. Diese Treffen
hatten noch einen Nebeneffekt. Harold Krämer (Buddy and
The Ravens, DAG-Folkloregruppe): "Da wurden untereinander
auch schon mal Auftritte getauscht, gegenseitig Verstärker
ausgeliehen und Informationen über die aktuellen Hits
diskutiert."
Auch heute kommen junge Rockmusiker
Walter Horn war auch Gründer des Siegener Mandolinen- und
Gitarrenorchesters. Nach seinem Tod wurde das 1878
erstmals erwähnte Musikhaus Carl Horn von seiner Ehefrau
weitergeführt. Rüdiger Wisser steht mittlerweile schon lange
hinter der Theke, und Walter Horns Sohn Klaus stieg 1982 in
das Geschäft ein. Er weiß, welchen Ruf seinen Vater bei den
Musikern der Siegerländer Beatgeneration genoss und
erinnert sich auch noch an das Notizbuch, in das Walter Horn
die Schulden der einzelnen Bands eintrug und ihre
wöchentlichen Rückzahlungen notierte. Klaus Horn: "Heute
geht das natürlich nicht mehr - da laufen Finanzierungen über
die Bank." Aber auch heute gehören junge Rockmusiker zum
Kundenstamm des Geschäfts, das aber auch über eine
große klassische Abteilung verfügt.
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