In den ersten Jahren "Anzugzwang"
Das sind stattliche Zahlen: 125 Jugendtanz- Veranstaltungen ab 1959
mit insgesamt 40 000 Besuchern. Diese Bilanz legte Hüttentals ehrenamtlicher
Stadtjugendpfleger Egon Jolig vor, als er im Dezember 1972 verabschiedet
wurde.
Auch heute, fast drei Jahrzehnte danach, blickt er gerne auf diese Zeit
zurück: "Diese Arbeit hat unwahrscheinlich viel Spass gemacht."
Der gelernte Kaufmann wurde Ende der 50er Jahre durch den damaligen
Kreisjugendpfleger Martin Holzapfel für die Jugendarbeit gewonnen: "Auf
einem Vorbereitungstreffen für einen England- Austausch in der Jugendherberge
Littfeld fragte er: `Warum muss ich eigentlich auch in die Städte und Gemeinden
gehen? Hast Du nicht Lust, etwas in Weidenau zu machen?`" Jolig hatte - und
erinnert sich nur ansatzweise an seinen Auftritt vor 600 jungen Leuten in der
Bismarckhalle: "Martin Holzapfel hat mich vorgestellt, ich bin ans Mikrofon
getreten - aber als ich wieder unten im Saal stand, wusste ich vor lauter
Aufregung nicht mehr, was ich überhaupt gesagt hatte.."
"Gegen schlechte Vergnügungen"
Aber dieser Abend, bei dem die Kapelle Heinz Link "richtig schöne Tanzmusik"
spielte, war der Auftakt für eine Erfolgsgeschichte. Zitat aus der WR vom
3. Dezember 1959: "Mit ihrem vielseitigen Repertoire auf allen Zweigen der
Tanzmusik fand die Kapelle ein gutes Echo. In einem Gespräch mit Stadtjugendpfleger
Jolig erfuhren wir, dass die Stadt Weidenau bestrebt ist, durch diese Veranstaltungsreihe
wenigstens alle vier Wochen einmal den Jugendlichen gute Unterhaltung zu bieten
und sie vor schlechten Vergnügungen zu bewahren."
Mit den Jahren wechselten natürlich Musik und die Gruppen - und auch Egon Jolig
musste sich umstellen: "In den ersten Jahren kam mir keiner ohne Krawatte und
Anzug in die Halle." Das änderte sich Mitte der 60er Jahre, als der Jugendpfleger
von einem Besucher angesprochen wurde: "Sagen Sie mal, Herr Jolig, sind wir mit
langen Haaren und ohne Anzug keine Menschen?" Von diesem Zeitpunkt an
wurden die Kleidervorschriften gelockert. Jahre später, als die Bands immer
progressiver wurden, erlaubte Jolig sogar Matratzenlager vor der Bühne - bis
sich eines Tages nach einem "Underground"- Konzert im neuen Parkett ein
grosses geschnitztes Hakenkreuz fand: "Von da an gab es keine Konzerte mehr
in der Bismarckhalle." Jolig wechselte mit zwei Veranstaltungen noch in die übersichtlichere Turnhalle von Langholdinghausen ("da habe ich Euch besser
unter Kontrolle"), dann wurde dieses Kapitel Siegerländer Beatgeschichte
zugeklappt.
Es waren viele Gruppen, die in Joligs Zeit als Jugendpfleger kamen und gingen.
Im September 1962, beim 25. Jugendtanztag, spielten die "Teddies", dann begann
die Zeit der Oranien Street Sounders: "Wenn Günter Hümmerich am Klavier sass
und `Only You` sang, war es mucksmäuschenstill in der Halle." 1964 konnte der 10.000. Besucher begrüsst werden, 1966, bei der 50. Auflage, stand das Walter-
Bracke- Ensemble auf der Bühne. Spätestens ab Mai 1967 heizten dann Beatbands
aus der Region den Jugendlichen ein: Die Watchmen, die Mushrooms und die
Snepcuts, später dann Smash und Eternal Light. Apropos Eternal Light: Deren
ersten Drummer Micky Pega und Bubi Cartier, der in den frühen sechziger Jahren
eine eigene Tanzband hatte, hält Jolig heute noch für die "besten Schlagzeuger,
die wir je in Weidenau hatten".
Der Stadtjugendpfleger bewies aber auch eine glückliche Hand, wenn er Bands
von ausserhalb verpflichtete. So gastierten in der Bismarckhalle die "Phantoms"
aus Iserlohn, die "Speeders" aus Stuttgart und später, im Juni 1971, die
Mannheimer Gruppe "Nine Days Wonder". Zweimal war Radio Luxemburg mit
Discjockeys in Hüttental zu Gast.
Tanzkurse waren Markenzeichen
Neben den Tanzabenden wurden auch die Tanzkurse ein Markenzeichen der
Weidenauer und später Hüttentaler Jugendarbeit. Beim zehnten Abschlussball,
am 14. Dezember, verabschiedete sich Egon Jolig von dieser Seite seiner
ehrenamtlichen Aktivitäten. Erhalten geblieben ist er bis heute dem Sport -
zurzeit steckt er mitten in den Vorbereitungen für die deutschen Mehrkampf-
meisterschaften am 15. und 16. September in Kreuztal. |