"Kinderhops" oder in die "Hundehütte"
Von Brigitte Adam
Es gab eindeutig zwei Fraktionen: Die weniger gut
Behüteten gingen zu Wendels, in die Cherie-Bar oder in die "Hundehütte", wurden von uns beneidet, da sie sich
regelmäßig polizeilichen Razzien auf der Suche nach zu
jungem Publikum durch Flucht entziehen mussten und
irgendwie schon viel erwachsener waren als wir. Die von zu
Hause strenger Gehaltenen durften immerhin zum "Tanz für
die Jugend", von den anderen abfällig "Kinderhops" genannt.
Meine Freundinnen und ich gehörten zur zweiten Gruppe.
Sonntags von 16 bis 20 Uhr fand das harmlose Vergnügen statt.
Die ganze Woche überlegte ich, wie ich am Sonntag der
väterlichen Kleider- und Gesichtskontrolle entgehen könnte. '
Man rief ein leises "Tschüss", stahl sich aus der Tür - und wurde
prompt zurückgepfiffen: "Komm mal rein!" Der väterliche Blick
erfasste die Situation sofort: "Wisch das ab!" Gemeint war
der dicke schwarze Lidstrich und die mit Penatencreme weiß
geschminkten Lippen. "Zieh Dich ordentlich an!" Das bezog
sich auf das für Beatlesliebhaber unbedingt nötige schwarze
Outfit: eine schwarze Cordjacke, schwarzer Rock, schwarze
Strümpfe, schwarzer Rolli. Die brave Tochter zog sich um,
packte schwarze Kluft und Schminkutensilien ein und
verwandelte sich auf der Toilette der Siegerlandhalle in die "Beat-Braut".
Der "Tanz für die Jugend" fand in Siegens Mehrzweckhalle
statt. Viel zu helles Licht, keinerlei Disco-Atmosphäre. Man
saß an langen Tischen wie die Hühner auf der Stange und
wartete, dass man zum Tanzen aufgefordert wurde.
Umgekehrt war das damals unmöglich. Mädchen taten so
etwas nicht. Trotzdem (heute eigentlich unbegreiflich) fanden
wir alles ganz toll, waren begeistert von der Musik der
verschiedenen Bands: Glad Rags, Oranien Street Sounders,
Shotguns.
Traumtypen wie John und George
Hauptsache, die Jungs konnten bekannte Titel nachspielen.
Wenn sie auch noch gut aussahen, umso besser. In der
Pause trank man seine Cola (Alkohol gab es nicht). Vier
Stunden vergingen viel zu schnell, schließlich musste man
einen ganzen Monat auf das nächste Tanzvergnügen warten.
Der Tanz für die Jugend musste natürlich in der nächsten
Woche nachbereitet werden. Die anwesenden Jungs und
Tanzpartner wurden von meiner Freundin Bettina und mir
ausführlich durchgehechelt und meistens für nicht akzeptabel
befunden. Bettina (künstlerisch sehr begabt) zeichnete mir
dann Traumtypen ins Schulheft, die alle so aussahen wie
John Lennon, George Harrison oder Paul McCartney.
Dann kam Gott sei Dank ein Sonntag im Jahr 1966.
Der Blonde in der City- Bar
Der Tanz für die Jugend war ausgesprochen langweilig, so
dass ich die Veranstaltung frühzeitig verließ und in die
"City-Tanzbar" ging. Der heimlich von mir angepeilte Blonde
war auch da, wir tanzten die ganze Zeit zusammen und er
brachte mich nach Hause.
Jetzt, nach 35 Jahren, sitzt er neben mir. Und für mich sieht
er immer noch so süß aus wie früher.
Zum Abschlussball mussten die
Mädchen kalte Platten mitbringen
Wenn Brigitte Adam (früher: Nies) und Bettina Wendt
(früher: Bode) heute zusammensitzen, dann werden in
Windeseile Erinnerungen wach.
Erinnerungen zum Beispiel an die gemeinsame Schulzeit am
Mädchen-Gymnasium, das für seine gestrenge, später nach
Demonstrationen und Schulstreik versetzte Direktorin
bekannt war. Eine Fotoserie, die Bettina Bode 1966 von
Brigitte Nies und einem Mitschüler "schoss", fand keine
Gnade - das Plakat für das Schulfest sollte ein anderes Motiv
erhalten. Begründung von Oberstudiendirektorin Erhardt: "Rock zu kurz, Tanz zu eng."
Geschlossen meldeten sich ganze Klassen von Jungen- und
Mädchen-Gymnasium in der Tanzschule Loeser an: "Obertertia die Mädchen, Untertertia die Jungen. Was uns
nicht gefiel: Moderne Musik, zum Beispiel Twist, gab es nicht." Zum Abschluss- und zum Mittelball mussten die
Mädchen kalte Platten mitbringen, dafür mussten die Jungen
die Getränke bezahlen." Dieser Veranstaltungen fanden meist
noch im Haus der Siegerländer Wirtschaft statt.
Gerne denken die beiden auch an Wendels Stuben, wo eine
Musikbox immer mit den neuesten Hits bestückt war: "Dort
hörten wir Stücke von den Supremes - das war einfach toll."
Beliebt war auch der Filmclub der Volkshochschule in der
Sparkasse, Eintritt 50 Pfennig. Zu einem richtigen Treff nach
Schulschluss wurde das Cafe´ Schmidt in der Bahnhofstraße,
eigentlich ein "gediegenes Cafe´ für ältere Herrschaften":
"Dort saßen wir zu Zweit vor einer Cola und vertrieben die
eigentliche Kundschaft." Später waren bevorzugte Treffpunkte
der "Studentenkeller" am Oberen Schloss und das "Studio
D".
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